Beiträge vom Februar, 2010

Unabhängige Überwachung kann vor individuellem Fehlverhalten und krimineller Energie schützen

Freitag, 19. Februar 2010 11:30

Die Ermittlungen, in denen die Ursachen des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs geklärt und die Schuldigen gefunden werden sollen, fördern unglaubliche Machenschaften zu Tage. Sie haben das sicherlich in den Medien verfolgt. Ein großer Teil der Eisenbügel, die in Teilen der Wände der im Bau befindlichen U-Bahn-Tunnel hätte eingeflochten werden sollen, wurde nicht verbaut, sondern verhökert. Man muss sich das vergegenwärtigen: Fünf Tonnen Stahl wurden entwendet, um sie an einen Schrotthändler zu verkaufen. Und niemand – außer natürlich den (nach Medienberichten geständigen) Straftätern – hat das Fehlen bemerkt, weder im Vorfeld, noch während des Bauablaufs.

Mittlerweile wird außerdem berichtet, dass zu wenig Beton verbaut wurde. Gutachter haben Medienberichten zufolge festgestellt, dass die Werte von Vermessungsprotokollen von Schlitzwänden verfälscht wurden. Außerdem sollen in Protokollen des Betoniervorgangs, in denen dokumentiert wird, wie viel Beton in die Lamelle gefüllt wird, Zahlen vertauscht worden sein. Insgesamt verdichten sich, so titelt der Kölner Stadtanzeiger, die Anzeichen auf „Betrug im großen Stil“.
Man darf gespannt sein, was die weiteren Ermittlungen ans Tageslicht bringen werden.

Zwei Tote sind zu beklagen, und beim Einsturz des Archivs ist ein nicht näher zu beziffernder Schaden an wertvollem Kulturgut entstanden. Die Kosten, die bislang aufgelaufen sind und die noch entstehen werden, um die Vorkommnisse aufzuklären sowie den U-Bahn-Bau zu überprüfen, zu sichern und, was ja notwendig sein wird, instand zu setzen und irgendwann betriebsfähig zu machen, möchte ich mir derzeit lieber gar nicht vorstellen.

Von den U-Bahn-Bauten in Köln geht momentan, so wurde uns vergangene Woche nach eingehenden Kontrollen versichert, keine weitere Gefahr aus. Wir wissen heute allerdings noch nicht, ob die mittlerweile zahlreich entdeckten Baumängel wirklich die einzigen sind. Sollte dies nicht der Fall sein, so können wir nur hoffen, dass es den Verantwortlichen gelingt, rechtzeitig alle anderen Bauwerke und Bauabschnitte zu finden, bei denen unter Umständen ebenfalls in krimineller Weise Material entwendet und nicht verbaut oder in einer sonstigen Art und Weise geschlampt oder betrogen wurde.

Es liegt mir fern, in besserwisserischer Manier den Zeigefinger zu erheben, um zu erläutern, wie die Vorkommnisse hätten vermieden werden können. Doch es muss es erlaubt sein, nach den Ursachen zu fragen, die zu derartigen Ungeheuerlichkeiten führen konnten. Für mich ist es ganz offensichtlich: Wären im bewährten Sicherheitssystem keine Lücken geöffnet worden, hätte sich die Angst der Menschen in Köln vermeiden lassen.

Und genau aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle die Forderung der Ingenieurkammer-Bau NRW wiederholen: Das bewährte Vier-Augen-Prinzip muss mit Leben gefüllt werden! Vier Augen sehen mehr als zwei, und eine Instanz, die sich selbst kontrolliert, funktioniert nicht. Eine weitere Sicherheitsebene ist dringend notwendig. Diese kann nur aus einer fachlich qualifizierten, von Interessen der Bauherren und Bauausführenden unabhängigen Begleitung von Bauvorhaben bestehen. Denn genau darin liegt die Krux: Liegen diese Funktionen in einer Hand, ist Missbrauch möglich, sei es durch Unkenntnis, durch Unvermögen oder – wie in Köln – durch kriminelle Energie.

Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Umso dringender muss nun gehandelt werden, um individuelles Fehlverhalten künftig ebenso ausschließen zu können wie groß angelegten Betrug. Die bestehende Sicherheitslücke muss geschlossen werden. Wir verfügen über bestens ausgebildete Ingenieure und über modernste Techniken und Verfahren, um auch die anspruchsvollsten Bauaufgaben zu lösen und zu überwachen. Die Schwachstelle ist der Mensch – der im Fall des Kölner-U-Bahn-Skandals mit enormer krimineller Energie zugange war. Unabhängige Überwachung und unabhängige Aufsicht sind die einzigen Möglichkeiten, um diese Schwachstellen zu beseitigen. Denn vier Augen sehen mehr als zwei.

An dieser Stelle sind einige der Berichte über den Prozess verlinkt, weitere finden Sie problemlos über Suchmaschinen. Auch die Kammer als berufsständische Vertretung der Ingenieure des Bau- und Vermessungswesens hatten die Gelegenheit, sich zum Thema zu äußern. Ich hoffe inständig, dass wir mit unserer Auffassung Gehör finden.

ARD Tagesschau
ZDF heute vom 12.02.2010
phoenix vom 12.02.2010
WDR vom 13.02.2010
Deutschlandfunk vom 18.02.2010
FAZ.NET vom 16.02.2010
Welt online vom 18.02.2010 (s. auch weiterführende Links)
derwesten.de vom 16.02.2010
Ruhr-Nachrichten vom 09.02.2010
Hamburger Abendblatt vom 18.02.2010



Thema: Sicherheit | Kommentare (2) | Autor:

Ein Bauwerk fürs Prestige, nicht für die Baukultur

Montag, 1. Februar 2010 15:24

Da steht er nun, Downtown Dubai. Gestalterisch nicht wahnsinnig revolutionär, aber technisch sicherlich interessant: der Burj Khalifa. Das derzeit und vermutlich auch auf absehbare Zeit höchste Gebäude der Welt ragt über 800 Meter in die Höhe und geizt auch sonst mit Superlativen. 160 Stockwerke, das höchste belegte Stockwerk der Welt (auf über 550 Metern Höhe), der längste Aufzugsschacht der Welt (der Serviceaufzug fährt bis auf 504 Meter), sehr teure Wohnungen, sehr teure Büros, und, und, und … Die Bausumme wird mit rund 2,85 Milliarden Euro angegeben. Wer sich zum gemütlichen Dinner auf Etage 122 zurückzieht oder von der Aussichtsplattform auf Etage 124 den sicherlich grandiosen Blick über die in den vergangenen Jahren aus dem Wüstensand gestampfte Retortenmetropole gleiten lässt, wird wohl beeindruckt sein. Es handelt sich ja auch in der Tat um beeindruckende Leistungen, die sich hinter der Planung und dem Bau dieses Bauwerks verbergen.

Hier einige der Fakten. Das Gebäude ist mit 828 Metern ziemlich genau 320 Meter höher als Taipei 101, das Gebäude, das seit 2004 die Liste der höchsten Gebäude anführte (508 Meter). 330.000 Kubikmeter Beton wurden verbaut, darin verbergen sich 39.000 Tonnen Bewehrungsstahl, umhüllt wird das Ganze von 142.000 Quadratmetern Glasfläche. Wie aufwändig Planung und Bau waren, zeigt eine andere Zahl: Für die Errichtung des Burj Khalifa waren 22 Millionen Arbeitsstunden nötig.

Die internationale Fachwelt hat sowohl Planung als auch Bau dieses „Tallest of the Tallest“, so einer der zahlreichen Eigenwerbe-Slogans, in den vergangenen Jahren mit professionellem Interesse verfolgt. Vom technischen Standpunkt aus gesehen ist es für Ingenieure natürlich eine Herausforderung, ein derartiges Gebäude so zu konstruieren, dass es sicher und funktionsfähig ist. Aber eine Rechtfertigung für das Projekt an sich ist damit natürlich nicht zwingend gegeben.

Denn nicht alles, was machbar ist, muss auch gemacht werden.

Genau deshalb stelle ich mir die Frage: Ist es verantwortbar solche Gebäude zu errichten ? Sind sie zeitgemäß, nachhaltig und angemessen im Einsatz unserer begrenzten Ressourcen ? Sind sie notwendig? Und haben sie auch nur im Entferntesten etwas mit Baukultur zu tun?

Beim Burj Kalifa geht es vorrangig ums Prestige und um nichts anderes. Das Signal, das in alle Welt gehen soll, lautet: Schaut her, wir können das – und nur wir in Dubai können das. Fakt ist, dass sie es doch nicht ganz alleine konnten. Zumindest war das Gebäude letztlich so teuer, dass nur die großzügige finanzielle Unterstützung des Nachbaremirats den Staatsbankrott in Dubai verhindert hat. Kunststück – 2,85 Milliarden Euro sind ja auch kein Pappenstiel und letztlich eine ziemlich teure Werbekampagne für einen ehemals wohlhabenden Staat, der sich in der Vergangenheit immer wieder mit ebenso spektakulären wie fragwürdigen Bauprojekten in die Medien und damit ins Bewusstsein der weltweiten Öffentlichkeit geschlichen hat. Erinnert sei nur an die künstlich aufgeschütteten „Palmeninseln“ – wenn ich richtig informiert bin, haben auch die die in sie gesetzten wirtschaftlichen Erwartungen nicht erfüllt. Jedenfalls hat die Finanzspritze des (noch?) wohlhabenderen Nachbaremirats dazu geführt, dass das Gebäude nicht, wie ursprünglich geplant, Burj Dubai, sondern eben Burj Khalifa heißt – ein „Dankeschön“ für den finanziellen Hilfskraftakt.

Und nun stehen wir, die wir uns den Werten der (abendländisch-westlichen) Baukultur und den Erfordernissen der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen, wir, die wir uns mit Ökonomie und Ökologie von Baumaßnahmen gleichermaßen befassen wie mit den Bedürfnissen von Bauherren, Nutzern und Gesellschaft, vor diesem Gebäude. Und wir fragen uns, was das alles mit Baukultur im 21. Jahrhundert zu tun haben könnte. Die Antwort ist einfach: Nicht viel. Es ist reines Imponiergehabe, projektiert in einer Zeit übermäßigen Wohlstands, eröffnet – wie bei Hochhäusern so oft der Fall – in Zeiten der tiefsten Rezession. Man hört und liest viel über all die Superlative des Gebäudes. Dass ihm ein nachhaltiges, wegweisendes, zeitgemäßes Energie- oder Betriebskonzept zu Grunde läge, wie man das heute eigentlich erwarten sollte, habe ich nirgends gelesen. Stattdessen ist den Eigentümern natürlich wichtig, das Gebäude (und damit vermutlich sich selbst) mit all den anderen zu vergleichen: http://www.burjkhalifa.ae/the-tower/worlds-tallest-towers.aspx

Der DAI-Präsident Christian Baumgart moniert in seiner Pressemitteilung völlig zu recht, dass Baukultur mit Werten zu tun habe und sich nicht durch „höher, größer, weiter“ definiere. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass es Bauwerke wie der Burj Khalifa sind, die es uns immer schwerer machen, Menschen für die wirklich wichtigen baukulturellen und gesellschaftlichen Themen und Aufgaben zu interessieren und zu begeistern. Denn es kann nicht darum gehen, mit Milliarden Prestigeprojekte zu realisieren. Es muss darum gehen – und zwar weltweit! – Neubauten mit Augenmaß zu errichten, Altbaubestände zu sanieren und energetisch zu optimieren, den Menschen ein lebenswertes Wohn- , Arbeits- und Freizeitumfeld, sauberes Trinkwasser und vernünftige Entsorgungssysteme zur Verfügung zu stellen und insgesamt eine nachhaltige Entwicklung durch unsere Planungs- und Bauprozesse voranzutreiben und dies verstärkt in den Ländern, die nicht aus eigener Kraft dazu in der Lage sind.

Damit hätten wir alle, die wir in das Baugeschehen involviert sind, eigentlich genug zu tun und ständen damit auch im Einklang mit allen Werten, die unseren Berufsstand auszeichnen. Aber natürlich drängt sich zum Schluss dennoch die provokante Frage auf: Würden wir deshalb das Angebot, beim Bau eines Gebäudes wie des Burj Khalifa mitzuarbeiten, ablehnen?

Ich freue mich auf Ihre Antworten und Einschätzungen!

Thema: Baukultur | Kommentare (0) | Autor:

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