Die Verantwortung liegt immer auch bei jedem von uns selbst

Das Leid der Menschen in Japan und die Tragik und Vielschichtigkeit der Unglücke – Erdbeben, Tsunami und Atomreaktorhavarie – verbieten es nach meiner Überzeugung, einzelne Ereignisse quasi als Argumentationshilfe für wie auch immer geartete politische Forderungen oder Aktivitäten zu instrumentalisieren. Dass in Deutschland über die Zukunft der Kernenergie debattiert wird, ist wichtig und richtig. Deshalb führen viele Menschen diese Debatte schon seit vielen Jahren sehr engagiert. Dass manche Politikerinnen und Politiker deren Sorgen und Ängste erst jetzt ernst nehmen, ist eher beschämend und entlarvend.
Eine Frage, die sich derzeit ebenfalls (noch) nicht stellt, ist die nach der „Schuld“. Sie wird erst dann wirklich zu stellen sein, wenn die größten Gefahren gebannt und die größte Not gelindert ist – was hoffentlich schnell gelingen wird. Die Ereignisse aufzuarbeiten und Schuldige zu ermitteln, das ist eine Angelegenheit der Sachverständigen und Gerichte und es ist zu hoffen, dass dies transparent und umfassend erfolgen wird.
Eine Frage, die aber durchaus gestellt werden kann und muss, ist die der Verantwortung. Die des Einzelnen, aber selbstverständlich auch die der Gesellschaft. Es ist in vielen der wohlhabenderen Gesellschaften leider üblich geworden, sich wenig mit den Konsequenzen des eigenen Tuns und Handelns sowie den Auswirkungen bestimmter Konventionen, Normen, Verhaltensweisen und Ansprüchen auseinanderzusetzen.
Verantwortung? Die wird auf Stellvertreter übertragen.
Anders ausgedrückt: Wir blenden komplexe Sachverhalte, komplizierte Themen, unangenehme Wahrheiten nicht selten einfach aus. Zuständig sind die Politiker. Zuständig sind die beteiligten Konzerne. Zuständig sind die Behörden, die Vorschriften erlassen und deren Einhaltung kontrollieren. Als Bürger ist man da fein raus – ein ganz kleines, wirkungsloses Rädchen im System der Großen.
Verantwortung? Wir als Gesellschaft? Vielleicht sogar ich als Individuum? Aber nein!
Ist das wirklich so? Wenn die Pisa-Studie Bildungslücken aufdeckt, wird auf Schulen und Lehrer gezeigt: Verantwortliche identifiziert. Wenn Billigfleischproduzenten Tiere quälen, fragt (noch immer!) zu selten jemand nach der Verantwortung der Verbraucher, die diesen Mist ja haben wollen und kaufen. Und wenn die kommunalen Straßen vor Schlaglöchern nur so strotzen, ist natürlich die Verwaltung schuld, die nicht genügend Geld für den Unterhalt aufbringt.
In Deutschland haben wir auf allen Ebenen von der Kommune bis zum Bund und Europa unsere gewählten Volksvertreter. Sie sind von uns beauftragt, Rahmenbedingungen für unser reibungsloses Leben zu schaffen. Gelingt dies im einen oder anderen Fall nicht, sind sie natürlich verantwortlich. Wozu haben wir sie sonst gewählt?
Wir haben es uns als Gesellschaft in vielen Bereichen mittlerweile zu einfach gemacht. Wir haben uns komfortabel eingerichtet in einem System, in dem andere zuständig und verantwortlich sind. In der Individualisierung und Selbstverwirklichung die höchsten Güter sind und Themen wie Gemeinsinn und gesellschaftliche Verantwortung oder gemeinsame Werte oft nur ein Schulterzucken ernten.
Ich bin der festen Überzeugung: Wir müssen wieder mehr darüber diskutieren, wie und in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln soll. Wir müssen, unabhängig von der Lage der öffentlichen Haushalte, über Werte diskutieren. Wie stehen wir zur Bildung? Wie gehen wir mit älteren, mit kranken, mit benachteiligten Menschen um? Wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen aus? Ganz banal und doch so komplex: Was wollen wir essen? Wie wollen wir arbeiten, wie wollen wir leben, zusammenleben?
Darüber müssen wir reden. Nicht nur in den Parlamenten. Sondern mit dem Nachbarn am Gartenzaun, mit den Kollegen bei der Arbeit, in Vereinen und Verbänden, Glaubensgemeinschaften und vor allem auch in unseren Familien.
Wer, wenn nicht wir als Gesellschaft, soll denn Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen? Sollen wir diese Verantwortung wirklich ausschließlich Stellvertretern übertragen, aus reiner Bequemlichkeit oder aus Desinteresse? Das kommt überhaupt nicht in Frage!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *