Die Ermittlungen, in denen die Ursachen des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs geklärt und die Schuldigen gefunden werden sollen, fördern unglaubliche Machenschaften zu Tage. Sie haben das sicherlich in den Medien verfolgt. Ein großer Teil der Eisenbügel, die in Teilen der Wände der im Bau befindlichen U-Bahn-Tunnel hätte eingeflochten werden sollen, wurde nicht verbaut, sondern verhökert. Man muss sich das vergegenwärtigen: Fünf Tonnen Stahl wurden entwendet, um sie an einen Schrotthändler zu verkaufen. Und niemand – außer natürlich den (nach Medienberichten geständigen) Straftätern – hat das Fehlen bemerkt, weder im Vorfeld, noch während des Bauablaufs.
Mittlerweile wird außerdem berichtet, dass zu wenig Beton verbaut wurde. Gutachter haben Medienberichten zufolge festgestellt, dass die Werte von Vermessungsprotokollen von Schlitzwänden verfälscht wurden. Außerdem sollen in Protokollen des Betoniervorgangs, in denen dokumentiert wird, wie viel Beton in die Lamelle gefüllt wird, Zahlen vertauscht worden sein. Insgesamt verdichten sich, so titelt der Kölner Stadtanzeiger, die Anzeichen auf „Betrug im großen Stil“.
Man darf gespannt sein, was die weiteren Ermittlungen ans Tageslicht bringen werden.
Zwei Tote sind zu beklagen, und beim Einsturz des Archivs ist ein nicht näher zu beziffernder Schaden an wertvollem Kulturgut entstanden. Die Kosten, die bislang aufgelaufen sind und die noch entstehen werden, um die Vorkommnisse aufzuklären sowie den U-Bahn-Bau zu überprüfen, zu sichern und, was ja notwendig sein wird, instand zu setzen und irgendwann betriebsfähig zu machen, möchte ich mir derzeit lieber gar nicht vorstellen.
Von den U-Bahn-Bauten in Köln geht momentan, so wurde uns vergangene Woche nach eingehenden Kontrollen versichert, keine weitere Gefahr aus. Wir wissen heute allerdings noch nicht, ob die mittlerweile zahlreich entdeckten Baumängel wirklich die einzigen sind. Sollte dies nicht der Fall sein, so können wir nur hoffen, dass es den Verantwortlichen gelingt, rechtzeitig alle anderen Bauwerke und Bauabschnitte zu finden, bei denen unter Umständen ebenfalls in krimineller Weise Material entwendet und nicht verbaut oder in einer sonstigen Art und Weise geschlampt oder betrogen wurde.
Es liegt mir fern, in besserwisserischer Manier den Zeigefinger zu erheben, um zu erläutern, wie die Vorkommnisse hätten vermieden werden können. Doch es muss es erlaubt sein, nach den Ursachen zu fragen, die zu derartigen Ungeheuerlichkeiten führen konnten. Für mich ist es ganz offensichtlich: Wären im bewährten Sicherheitssystem keine Lücken geöffnet worden, hätte sich die Angst der Menschen in Köln vermeiden lassen.
Und genau aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle die Forderung der Ingenieurkammer-Bau NRW wiederholen: Das bewährte Vier-Augen-Prinzip muss mit Leben gefüllt werden! Vier Augen sehen mehr als zwei, und eine Instanz, die sich selbst kontrolliert, funktioniert nicht. Eine weitere Sicherheitsebene ist dringend notwendig. Diese kann nur aus einer fachlich qualifizierten, von Interessen der Bauherren und Bauausführenden unabhängigen Begleitung von Bauvorhaben bestehen. Denn genau darin liegt die Krux: Liegen diese Funktionen in einer Hand, ist Missbrauch möglich, sei es durch Unkenntnis, durch Unvermögen oder – wie in Köln – durch kriminelle Energie.
Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Umso dringender muss nun gehandelt werden, um individuelles Fehlverhalten künftig ebenso ausschließen zu können wie groß angelegten Betrug. Die bestehende Sicherheitslücke muss geschlossen werden. Wir verfügen über bestens ausgebildete Ingenieure und über modernste Techniken und Verfahren, um auch die anspruchsvollsten Bauaufgaben zu lösen und zu überwachen. Die Schwachstelle ist der Mensch – der im Fall des Kölner-U-Bahn-Skandals mit enormer krimineller Energie zugange war. Unabhängige Überwachung und unabhängige Aufsicht sind die einzigen Möglichkeiten, um diese Schwachstellen zu beseitigen. Denn vier Augen sehen mehr als zwei.
An dieser Stelle sind einige der Berichte über den Prozess verlinkt, weitere finden Sie problemlos über Suchmaschinen. Auch die Kammer als berufsständische Vertretung der Ingenieure des Bau- und Vermessungswesens hatten die Gelegenheit, sich zum Thema zu äußern. Ich hoffe inständig, dass wir mit unserer Auffassung Gehör finden.
ARD Tagesschau
ZDF heute vom 12.02.2010
phoenix vom 12.02.2010
WDR vom 13.02.2010
Deutschlandfunk vom 18.02.2010
FAZ.NET vom 16.02.2010
Welt online vom 18.02.2010 (s. auch weiterführende Links)
derwesten.de vom 16.02.2010
Ruhr-Nachrichten vom 09.02.2010
Hamburger Abendblatt vom 18.02.2010